Orgel in Neuburg, St. Remigius / Pfalz,

erbaut von Johann Michael Stiehr 1786 / 87

                                                    

             

Geschichtlicher Hintergrund

 

In einem  Gutachten wird Johann Michael Stiehr als Erbauer dieser Orgel in Neuburg genannt.

Ebenso wie sein Landsmann Ferdinand Stieffell stammt er aus der Würzburger Gegend, hat eine Zeit bei ihm, zuletzt als Werkmeister, in der Rastatter Werkstatt gearbeitet, sich aber nach Eröffnung seiner eigenen Werkstatt in Seltz niedergelassen. Die Neuburger Orgel ist die zweite unter seinem Namen.

Obwohl nach der französischen Revolution sehr viele Instrumente in der südlichen Pfalz durch französische Truppen vernichtet oder mindestens beschädigt wurden, handelt es sich hier neben der Orgel in Roppenheim und Hoerdt um einen Sonderfall mit einem hohen Anteil historischer Substanz. Sie ist die älteste erhaltene Orgel aus der Hand Stiehrs.

Es handelt sich um ein interessantes Instrument, das eine Würdigung verdient.

 

NeuburgStiehr1787.jpg          CFloete4.jpg          Gehaeuse_C_Seite.jpg

 

Besonderheiten hinsichtlich der Klanggestaltung

 

Bei der Untersuchung des Pfeifenwerkes zeigten sich erwähnenswerte Besonderheiten, die hier im einzelnen dargestellt werden sollen:   

 

1.   Auffallend sind die für die Erbauungszeit unüblichen Seitenbärte

beim    Montre 4’ im Prospekt. Entgegen einer ersten Einschätzung handelt es sich hier um originale Bärte. Die Qualität der Nähte so wie die Färbung des Materials ist mit den Längs- und Rundnähten identisch. Ein späteres, nachträgliches Anbringen von Seitenbärten aus Gründen der Korrektur der Tonhöhe ist nicht denkbar. Diese Praxis ist eher üblich bei einzelnen, auf Ton geschnittenen  Pfeifen aber nicht bei Prospektpfeifen, die mit Stimmvorrichtungen versehen sind. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit stehen zwischen den klingenden Pfeifen stumme Prospektpfeifen ohne Bärte!

 

                 

2.     Innenpfeifen haben Aufschnittbärte teilweise bis zu einem Durchmesser von 10 mm

     

3.     Gedeckte aber auch Prinzipalpfeifenreihen haben halbrunde Aufschnitte.

Die Aufschnitte sind zwar im Bogen erkennbar in späterer Zeit nachgeschnitten worden, müssen aber vorher schon halbrund gewesen sein:

An den Bogenenden gemessen, liegen die Werte immer unter oder um ¼ der Labiumbreite, was bei geradem Aufschnitt, besonders bei Bourdon und Flute zu niedrig wäre.

Runde Aufschnitte sind auch in der Mixtur zu finden, die mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Erbauungszeit stammen können.

       

 

MontremitoriginalenBaerten.jpg originale Seitenbärte

 

 

Anscheinend hat Stiehr die klanglichen Vorteile der Seitenbärte als Intonationshilfe besonders geschätzt, ungeachtet dominanter Vorbilder, wie Silbermann und Stieffell.

Vier Jahre später in Roppenheim sind die gelöteten Seitenbärte im Prospekt nicht mehr in dieser Form zu finden. Hier könnte man von unauffälligen Aufschnittbärten sprechen, die zwar kurz gehalten aber nicht  einer Laune zugeschrieben werden können, sondern sehr wohl noch Wirkung auf das Einschwingverhalten haben. Vermutlich hat er im Laufe seiner beruflichen Entwicklung „sein klangliches Optimum“ auf experimentellem Wege gesucht.

 

Diese Besonderheiten der Pfeifenbauweise und Intonation, die etwas mit der persönlichen Neigung des Orgelbauers, mit Klangstil zu tun haben, könnte man  als Indizien für ein neues Denken und Empfinden in einer fortschrittsbewegten Zeit verstehen.

Es ist aber auch denkbar, dass der selbstbewusste Einsatz  eigener, für die Zeit unüblicher Klanggestaltungsmittel  Ausdruck einer ganz persönlichen klanglichen Überzeugung war.

Mit dieser persönlichen Klangvorstellung hat Johann Michael Stiehr schon sehr früh eine Entwicklung befördert, die nachfolgende Orgelbauer übernommen und weiterentwickelt haben.           

    

Registerstaffel_rechts.jpgrekonstruierteCromorne.jpg

Registratur C#-Seite                              Cromorne 8‘, rekonstruiert

Stiehr_Signaturen1.jpg

Stiehr_Signaturen2.jpg

Stiehr_Signaturen3.jpg

Signaturen, Stiehr 1787